D o k u m e n t a t i o n s z e n t r u m
K Z   M i t t e l b a u   D o r a
Landschafts
konzept



Die Gestaltung der KZ-Gedenkstätte Dora Mittelbau berührt drei unterschiedliche Schwerpunkte: Wahrnehmen und Lernen, Gedenken und Trauern, Forschen und Konservieren. Der Entwurf versucht diese drei Aspekte zueinander ins Verhältnis zu setzen.

Wahrnehmen und Lernen bedarf der Kenntlichkeit. Im Erkunden der Gedenkstätte soll der Besucher die Situation der Häftlinge nachvollziehen können. Anhaltspunkte unterstützen dabei die Vorstellungskraft. Wo die sichtbaren Artefakte nicht ausreichen, werden Bereiche, Grenzen, Schwellen und Orte angedeutet. Diese Anhaltspunkte sollen eindeutig als nicht historisch erkannt werden, um eine Verfälschung zu vermeiden.

Gedenken und Trauern bedeutet die Würdigung und Ehrung der Toten. Der Zustand der Anlage ist Spiegelbild dieser Wertschätzung, macht ihren Stellenwert für die Besucher ablesbar, gibt Auskunft über Anteilnahme und Erinnerungsvermögen.

Forschung hilft unsere Vorstellung zu erweitern, das Gewesene zu verstehen. Forschen und Konservieren darf aber nicht das Lernen und Trauern unmöglich machen, die Neutralität einer archäologischen Fundstätte muß vermieden werden. Historische Schichten werden daher nicht zerstört, alle Eingriffe sind behutsam und reversibel. Sie beeinträchtigen nicht die darunterliegenden historischen Schichten. Mit der Zeit hinzukommende archäologische Funde lassen sich integrieren.

Das gesamte Gelände der Gedenkstätte wird derzeit von einer einheitlichen Wiesenfläche überzogen. Die scharfen Grenzen, die das Lager umgaben, sind nicht zu erkennen. Um das Lager in Ausdehnung und Funktion verstehen zu können, sollen den Lagebereichen jeweils unterschiedliche Flächenqualitäten zugeordnet werden.

In der derzeitigen Ausstellung zur Gedenkstätte stehen für die verschiedenen Bereiche des Lagers bestimmte Materialien: Gestein vom “Kohnstein” für die Arbeit in den Stollen, Metall für die Rüstungsproduktion, Schotter für den Straßenbau sowie Holz für den Bereich des Häftlingslagers. Diese Konnotation der Materialien wird für die Kennzeichnung des jeweiligen Lagerbereichs fortgeführt. Der Besucher kann so den Zusammenhang zwischen den Informationen der Ausstellung und den tatsächlichen Gegebenheiten des Ortes herstellen.

Die Bereiche werden anschaulich durch unterschiedliche Flächenqualitäten, durch das Aufbringen von Schotter (Wirtschafts und Bahn-Bereich) und durch unterschiedliche Pflegeintensität der Rasen- und Waldflächen (Häftlingslager), bzw. der Wiesen (SS-Bereich). Die ehemaligen Grenzen und Bewegungslinien entstehen durch das Einfügen von Schneisen innerhalb des Waldes, durch Auslassungen oder Fugen innerhalb von Flächen und durch die Setzung einer Baumreihe entlang der äußeren Lagergrenze. Wo immer Tore oder Zäune die Lagerstraße oder Wege verschlossen, wird eine deutliche Fuge in den Bodenbelag eingeschnitten.

ehemalige
Lagerbereiche


Wirtschafts- und Bahnbereich

Im Wirtschafts- und Bahnbereich haben sich Lager- und zivile Welt überlagert. Obwohl dem Teil eine wichtige Bedeutung zukommt, ist er derzeit kaum kenntlich.

Heller Schotter gemischt mit Gipsgestein des “Kohnsteins” kennzeichnet diese Fläche zwischen Waldkante und der Böschung zur Kleingartenanlage. Gräben und Fugen innerhalb der Schotterfläche zeichnen die Schienenstränge und wichtige Wege nach. Historischen Fundamente und zukünftige Grabungsstätten am Bahnhof bleiben aus der Schotterfläche ausgespart. Bäume, die in ihrer Lage die historischen Infrastrukturstränge unterstützen, bleiben erhalten. Vegetation, die die Kenntlichkeit des Bereichs erschwert wird entfernt.
Dem Besucher wird es möglich der ”Betriebsamkeit” des Ortes nachzuspüren, die Infrastrukturlinien zu erkennen, die Verbindungen nach ”Außen” zu verstehen.

Bereich des Häftlingslagers

Derzeit teilt sich dieser Bereich in den rasenbewachsenen, gestalteten Teil um den Appellplatz und in den mit Wald überstandenen hinteren Teil des Lagers, den Bereich der Häftlingsbaracken und des Krankenreviers. Heute kann der Besucher vom Apellplatz aus nicht erkennen, daß sich das Lager noch weit in den Wald hinein erstreckt. Die kräftigen Raumgrenzen legen nahe, daß sich das Lager nur auf dem offenen Bereich rund um den Appellplatz befand. Für den Besucher gibt es so keinen Anlaß den bewaldeten Teil der Anlage zu erkunden.

Die bestehende Gestaltung des Bereiches um den Appellplatz bleibt erhalten. Wo die Fläche nicht von Wald überstanden ist, wird die gepflegte Rasenfläche an die Lagergrenzen ausgedehnt. Die bereits gestalteten Bereiche unterstreichen, unabhängig von ihrer Konnotation, in ihrem gepflegten Charakter die Würde und Besonderheit des Ortes. Nötige Hinweise und der Rückbau der Neubauten korrigieren die Anlage.

Die dichte Raumgrenze von Wald und Einzelbäumen gebildet, wird präzisiert und geöffnet: Die ersten Baumreihen des Waldes und die Einzelbäume werden entfernt, so daß die Raumgrenze zurückweicht auf die Kanten der ehemals angrenzenden Baracken. Die Bäume werden aufgeastet, das Unterholz und der Jungaufwuchs -speziell in der Nähe von Fundamenten- wird gerodet, so daß ein hohes lockeres Baumdach entsteht, offen für Durchblicke in den hinteren Teil des Lagers. Der Zustand des Waldes soll durch diese kontinuierliche Pflegemaßnahmen entwickelt werden. Durch forstwirtschaftliche Entnahme von Einzelbäumen lichtet sich langfristig der Wald. Der Lichteinfall verstärkt sich, die Grenzen vom “Lagerwald” im Nutzwald werden prägnanter.

Die Grenzen des Häftlingslagers entstehen im bewaldeten Teil durch eine von einem Holzsteg begleitete Schneise, in der offenen Fläche durch eine Böschung zwischen kurzem Rasen und Wiese. Die Grenzen des Krankenreviers begleitet ein Holzsteg. Besondere Orte, wie der ehemaligen Steinbruch als Tötungsort, werden gesondert durch Rasen und Holzflächen markiert.
Die gesamte Fläche des ehemaligen Häftlingslagers soll einen gepflegten Charakter aufweisen - ein Bereich der wertgeschätzt und mit Sorgfalt behandelt wird.

SS-Bereich

Der SS-Bereich wird von einzelnen Baumgruppen, Büschen und Wiese überwachsen. Die betonierte Straße ermöglicht den Zugang zu den Fundamentresten. Dieser Bereich benötigt zur Kennzeichnung nur die Verdeutlichung der Grenze. Baumgruppen und Büsche werden entfernt, so daß der Wald entlang des ehemaligen Grenzzaunes die Raumkante bildet. Die Wiese wird extensiv gepflegt. Die Ausdehnung des SS-Bereiches wird durch die angrenzenden Schotter- bzw. Rasenflächen bestimmt.
 
Zentrum

Das neue Ausstellungszentrum befindet sich südlich der Lagerstraße auf einer Anhöhe. Das Erdgeschoß liegt 30 cm über Geländeniveau, über seine offenen Bereiche ist ein Ausblick zum Lager und zum Industriegelände möglich. Das Gebäude ist zweigeschossig: das Obergeschoß nimmt die Ausstellung auf, ein langgestrecktes Foyer im Erdgeschoß faßt alle übrigen Funktionen wie Empfang, Buchladen und die Bibliothek auf. Eine offene Treppe verbindet zur Ausstellung im Obergeschoß. Zwischen Ausstellung und Erdgeschoß sind über das Foyer Sichtbeziehung möglich.

Die Ausstellung erstreckt sich über das gesamte Obergeschoß. Vor der Fassade stehende Blenden grenzen Ausschnitte der Umgebung ein. Die Ausstellungsinhalte werden so mit Ausblicken zu den zugehörigen Lagerbereichen verknüpft. Im Rundgang durch die Ausstellung erfaßt der Besucher auch das Gelände. Er kann Inhalte und Orte miteinander in Beziehung setzen, um sie später in der Anlage wiederzufinden.
Daten

Realisierungswettbewerb
mit Florian Geyer-Lesti, Cristiana da Silva

bbzl
boehm benfer zahiri
architektur städtebau landschaft

www.bbzl.de
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